Schuldilemma

Meine Tochter mag die Schule weil sie dort auf andere Kinder trifft.
Sie ist natürlich, charmant und liebevoll.
Viele Kinder mögen sie sehr.
Sie ist sehr neugierig und lernbegierig.
Sie singt, hüpft, tanzt und bastelt den schönsten Federschmuck.
Sie backt Tassenkuchen mit Schokolade oder brät Spiegeleier in einer kleinen Pfanne.
Sie ist wach und klug.

Mathe ist nicht ihr Ding.
Außer Brüche, die liebt sie!
Stramm und still sitzen ist nicht ihr Ding.
Strenge LehrerInnen nicht.
Zielgerichtet und zügig genau das sagen, was gesagt werden soll auch nicht.
Sie weiß, dass eine bestimmte Antwort erwartet wird, wird unsicher und verhaspelt sich, weil sie darüber ganz anders denkt.

Sie beobachtet Staubpartikel in der Luft und lässt sich von der Luft verschlucken wenn es ihr zu laut wird.
Das findet sie hilfreich.
Die Hausaufgaben hört sie dann nicht mehr.
Weil es zu laut ist.
Alle Aufmerksamkeit ist in ihrer Traumwelt oder im Mäppchen ihrer Tischnachbarin wo der Radiergummi so schön glitzert.

Manchmal mache ich mir Sorgen.
Wie zeige ich ihr, dass Mathe nicht wichtig ist und doch wichtig.
Wie erkläre ich ihr dass stramm sitzen nicht wichtig ist und doch soll sie sitzen bleiben.
Wie lernt sie, dass sie nicht das sagen muss, von dem sie denkt, dass es von ihr erwartet wird.
Dass sie das sagen kann was sie denkt und dass das nicht unsozial ist.
Dass es genauso wichtig ist in ihrer Traumwelt zu sein wie es wichtig ist in anderen Systemen klar zu kommen.
Dass sie in beiden Welten sein kann.
Dass es ihr in beiden dieser unterschiedlichen Welten gut gehen kann.

Ich verstehe sie so sehr.
Wie habe ich mich als Kind gewundert.
Habe nicht verstanden was vor sich geht.
Mathe war nicht mein Ding.
Strenge LehrerInnen und stramm sitzen auch nicht.
Ich habe es gemacht und ich war sozial.
Irgendwann habe ich rebelliert und war unsozial.
Beides war stressig.
Und Waldorf ist auch nicht mein Ding.

In beiden Welten klar kommen ohne Stress.
Wenn ich mich nicht für eine Welt auf Kosten einer anderen entscheiden muss.
Dann ist es meine Welt.
Und dann ist es ihre Welt.

Beitragsbild: Katrin Pauline Müller

von

hallo! Ich bin Katrin. In unserer dualen Welt gibt es immer wieder sehr magische Momente, in denen sich der unendlich weiter Raum öffnet. Diesen Raum möchte ich mit Worten, Bildern und Musik erforschen, berühren und beschreiben.

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