Seelenliebe zwischen Blut und Schnee

Ende September kam der Gewinner des goldenen Bären der diesjährigen Berlinale ins Kino.
„Körper und Seele“ von Ildikó Enyedi ein unglaublicher Liebesfilm, der eine schier unendliche Bandbreite von Gefühlen und Stimmungen berührt.

Der Film spielt in einem Schlachthof. Vor allem am Anfang der Geschichte werden Tierkörper professionell und technisch zerlegt und durchs Bild gezogen.
Blutlachen, die wie Wasser nach dem Duschen von den Kacheln tropfen und mit einem Besen Richtung Gulli gekehrt werden.

Der Finanzdirektor Endre, gespielt von Géza Morcsányi fragt einen neuen Mitarbeiter wiederholt, ob er sich sicher ist, dass ihn das Sterben der Tiere nicht bedrängt und bestürzt.
Denn wenn nicht, dann sei er verloren.

Endre fühlt sich alt und seinen gelämten linken Arm zieht er regelmäßig zur Mitte auf seinen Schoß, um ihn dort abzulegen.
Mit Frauen scheint er abgeschlossen zu haben, sein Blick ist müde und er kann nicht schlafen.
Wenn er seine Suppe isst und die Kamera auf sein Gesicht scharf stellt, dann wird er jedoch sehr fein und elegant in der Art wie er kleine Happen isst und gründlich mit zusammengehaltenen Lippen kaut.
Seine Augen leuchten tief und warm, er beobachtet gerne Menschen.

Alexandra Borbély spielt Mária, die neue Qualitätskontrolleurin.
Ihre mechanischen Bewegungen, ihr emotionsloser Ausdruck, ihr messerscharfes fast schon unheimliches Gedächtnis und die pastellfarbenen, glatten Kleider die keinen einzigen Krümel ertragen, sind eindringlich und befremdlich im Schlachthof.
Ihre schmale Gestalt sitzt im Dunkeln, äußerst vertieft in ihren Rechner.
Und äußerst präzise und regeltreu erledigt sie ihre Aufgaben.
Berührung kennt sie nicht.

Das Interesse aneinander und die Sehnsucht der beiden ist gewiss.
Ein Diebstahl im Schlachthof bringt eine Psychologin ins Haus, die anfängt im Seelenleben der Mitarbeiter zu forschen.
Immer wieder zeigt der Film eine unerwartete Komik die mit voller Wucht zuschlägt.

Die Psychologin fühlt sich zum Narren gehalten als sie die Träume von Mária und Endre hört.
Denn diese beiden Menschen träumen Nacht für Nacht denselben Traum: ein Hirsch und eine Hirschkuh im Schnee, im Wald, an einem kleinen Teich.
Sie suchen nach Nahrung und verstecken sich im Dickicht.
Sie sitzen nebeneinander auf dem Waldboden.
Ihre Nasen berühren sich.

Die Stimmung der Hirsche könnte nicht gegensätzlicher zu den beiden verletzten Seelen im Schlachthof-Setting sein.
Einfach, still, beruhigend fürs Auge und selbstverständlich.

Die beiden Menschen beschließen ihren Traum ernst zu nehmen und sich im Leben anzunähern.
Wie kompliziert, komplex und menschlich das ist, ist an manchen Stellen kaum mit anzusehen und gleichzeitig sehr schön.

Wie beide alles geben und sich Strategien überlegen ihrer Einsamkeit zu entkommen, ist unglaublich.
Wie ihre Körper an Grenzen stoßen und manövrieren während ihre Seelen gelassen ihrer Bestimmung folgen, ist ein Grund voller Hoffnung aus dem Film zu gehen.

Das Verstörende erhält einen ebenbürtigen Partner. Das tragische bekommt ein Lachen.
Und das zarte Knirschen von Schnee respektiert alles geflossene Blut.

Beitragsbild: Foto von Philip Swinburn auf Unsplash
Film: Körper und Seele von Ildikó Enyedi, 2017

von

hallo! Ich bin Katrin.
In unserer dualen Welt gibt es immer wieder sehr magische Momente, in denen sich ein unendlich weiter Raum öffnet.
Diesen Raum möchte ich mit Worten, Bildern und Musik erforschen, berühren und beschreiben.

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