Wie die Franzosen

Unterm Strich wollen wir doch alle unser Leben genießen.
Auch wenn wir oft das Gegenteil davon tun.
Vielleicht mit dem sehr katholischen Ausweg, dass wer lange genug büßt und leidet, irgendwann von einer höheren Macht dafür belohnt wird, und dann endlich genießen darf.
Mit Erlaubnis von oben.

Die katholischen Priester fand ich schon als Kind suspekt.
Und noch mehr wie alle sich kleiner gemacht haben vor diesen Männern.
Viele Priester in meiner Familie.
Hab heimlich an der Zahnbürste gerochen wenn mal einer zu Besuch war, und wir unser Zimmer räumen mussten.
Hat krass gestunken die Zahnbürste.
Und hat meine düsteren Vermutungen über kirchliche Abgründe bestätigt.
Ekel hat zu tiefer Befriedigung geführt.
Kindlich und katholisch.

Mit trockenen Protestanten kenn´ ich mich nicht so gut aus.
Doch eher ein Stück Brot als ein Croissant, das zersplittert wenn du reinbeißt.
Buddha ist etwas menschlicher und freundlicher.
Auch wenn er es nicht gut findet zornig zu werden.
Manchmal ist auch das wichtig.
Lieber lachen.
Und manchmal ist auch das wichtig.

Wahrscheinlich wäre die Menschheit schon lange ausgestorben, wenn es beim Sex nur darum ginge Nachwuchs zu zeugen.
Vielmehr geht es doch um Genuss.
Um Verbindung.
Vielleicht sogar um Freiheit.
Hey, ich darf genießen und du darfst es sehen!

Sex, Lust und Genuss haben etwas so verdrehtes.
So viel Sex ohne Genuss.
So viele Lügen über etwas das genussvoll ist.
Phantasie wird nach wie vor viel mit Pornos oder mit Huren ausgelebt.
Huren tragen in dem Sinne Verantwortung für etwas essentielles.
Leider ohne entsprechende Anerkennung.
In der Werbung wird Sex jedoch schon gewürdigt und Milliarden damit gemacht.
Milliarden für die Sehnsucht.
Leider ohne wirklichen Genuss.
Das wäre zu intim.

Zigaretten, Kaffee, Marihuana, Alkohol, Sport, Shopping, auch wieder Sex und vieles mehr sind unsere Ersatzliebhaber.
Die fragen nicht groß nach ob das jetzt vorgetäuscht oder echt ist.
Das tut der Wind, der über die Haare streicht und sie bewegt, auch nicht.
Und nicht die Sonne die die nackten Arme wärmt.

Clubs und das Nachtleben sind dunkle Räume.
Für Genuss, Verbindung und Freiheit.
Ich habe sie nach langer Pause wiederentdeckt und entdecke sie neu.
Früher war ich alleine dort.
Mit sicherer Distanz.
Nüchtern.
Mich vor anderen zu entspannen und zu genießen war undenkbar.
Viel zu riskant.
Heute bin ich mit Freunden da.
Nicht getrennt. Berührbarer.

Die Sehnsucht von Menschen nach Sinnlichkeit ist unglaublich stark nachts.
Ich könnte heulen wenn ich das spüre.
Vor Glück das ein kleines bisschen schmerzt.
Es geht um so viel mehr als um Sex beim Thema Genuss.

DJs bekommen Respekt.
Wenn die Musik gut ist.

Verspielt wie Polaar von Maud Geffray.
Die ganze Platte ist toll!
Manchmal hört man ihren französischen Akzent durch und vielleicht ist die Platte alleine deswegen voller Genuss.

Auch wenn ich nicht sicher bin, ob Franzosen wirklich so genussvoll sind wie immer beschworen.
Mit dem französischen Mythos werden Bestseller geschrieben.
Wobei, alle Utensilien dafür sind ja da.
Käse, Croissants, Kashmirpulli, Zigaretten, zerzauster Pony und Meer.
Oder ist das einfach ein wohlgestylter Schutz vor wirklichem Genuss?
Vor wirklicher Intimität die berührt?
Der Roquefort in meinem Mund.
Klösterlicher Genuss mit Streifenshirt.

Beitragsbild: Comme de Garçons, Courtesy of The Metropolitan Museum of Art

Musik: Maud Geffray, Polaar 2017

Text: Zeit Online, 24.09.2015, Artikel Susanne Mayer über „How to be a Parisian“ von Caroline de Maigret, Anne Berest, Audreay Diwan, Sophie Mas

von

hallo! Ich bin Katrin. In unserer dualen Welt gibt es immer wieder sehr magische Momente, in denen sich der unendlich weiter Raum öffnet. Diesen Raum möchte ich mit Worten, Bildern und Musik erforschen, berühren und beschreiben.

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